Die Schule geht in die Welt Zwei Kantonsschüler schufen eine Maschine, die Bücher digitalisiert Kreuzlingen. Mit der Maturarbeit von Christian Graber und Elias Müggler wurde gestern das Resultat eines besonders ehrgeizigen Projektes präsentiert. Bernhard Eymann Zehn Monate dauerte es, dann standen Christian Graber und Elias Müggler, Viertklässler der Kantonsschule Kreuzlingen, vor vollendeter Arbeit: eine Maschine, die Bücher erst einscannt und nachher als digitalen Text erfasst. Mit entsprechend gereiftem Sachverständnis konnten die beiden ihr Werk gestern Nachmittag dem interessierten Publikum in der Aula der Kantonsschule vorführen. Von Firmen unterstützt Das Projekt entstand, was aussergewöhnlich für eine Arbeit in diesem Rahmen ist, in Zusammenarbeit mit mehreren Firmen aus der Industrie, darunter die Kreuzlinger Mowag und Siemens. Diese stellten zum einen die nötigen pneumatischen Bauteile zur Verfügung, zum andern auch Ausbildungspersonal, das die technischen Nachwuchstalente mit dem nötigen Know-how instruierte. Der Empfang war immer freundlich, die angefragten Unternehmen zeigten Interesse, den Nachwuchs zu unterstützen und stellten ihre Leistungen kostenlos zur Verfügung. Die Kantonsschule Kreuzlingen übernahm die Kosten für die Software, die zur Erstellung der ersten Modelle notwendig war. Faszination Texterkennung Die Idee, die Texterkennung zum Thema einer Maturarbeit zu machen, sei ihm schon früh im Programmierfreikurs gekommen, sagte Müggler bei der Präsentation. Dort wurde das Thema kurz gestreift. «Ich war sofort fasziniert», so Müggler. Später wurden die beiden Tüftler dann auf das Gutenbergprojekt aufmerksam, das urheberrechtsfreie Standardwerke von Laien digital erfassen lässt und im Internet veröffentlicht. Es entstand der Gedanke, den von Hand mühsamen Einscannprozess zu automatisieren. Während einer Studienwoche an der ETH Zürich beschlossen die beiden, gemeinsame Sache zu machen. Schritt für Schritt Nachdem der Entschluss gefasst war, ging es an die Realisierung. Mit eigens zu diesem Zweck angeschaffter Software wurden an der Kanti erste Modelle entworfen. Die benötigten Teile stellten die beiden in den Betrieben teilweise selbst her. In ersten Versuchen mit der von Siemens erhaltenen Steuerung konnten die pneumatischen Teile erfolgreich bewegt werden. Das Projekt erwies sich als durchaus realistisch, obwohl im Vorfeld Zweifel wegen des hohen Zeitaufwands aufgekommen waren. Mit der Zeit entwickelten sich auch neuere, schlankere Modelle. Der Kabelsalat wurde elegant hinter Kabelschienen kaschiert. Als die Mechanik stand, ging es ans Programmieren der Texterkennung. Nächstes Ziel: Jugend forscht Betreuer Guido Lang ist ebenfalls mehr als zufrieden: «Es war eine Wonne zu sehen, wie sich das Projekt entwickelt hat.» Die beiden Maturanden hätten ihrem Betreuer nicht viel Arbeit gegeben. Überdies sei man an der Kantonsschule sehr dankbar für den gelungenen Austausch mit den Unternehmen. Für Lang solle der Grundsatz gelten: «Die Welt kommt in die Schule und die Schule geht in die Welt.» Die Sache hat sich gelohnt: Die mechanischen und digitalen Teilprozesse während des Blättervorgangs laufen rasch und präzis ab. Obwohl sich bei der Vorführung des Programms einige Rechtschreibfehler nicht vermeiden liessen, erntete das Team spontanen Beifall. Einen Käufer für die Maschine habe man noch nicht gefunden, so Müggler und Graber, das Projekt soll jedoch bald bei «Jugend forscht» vorgestellt werden. Stichwort Digital und mechanisch abgestimmt Die Einlesemaschine besteht aus vier sensorisch vernetzten Teilen: dem mechanischen Gerüst, der Scannerbox, einer Steuerung der pneumatischen Elemente und einem angeschlossenen Computer. Das eingelegte Buch wird zuerst gescannt. Ein Texterkennungsprogramm wandelt das Scanbild dann in Text um. Beim Blättern kommt die Pneumatik zum Zug: das Blatt wird angesaugt und mit einem beweglichen Stab umgeblättert. (eym)