Schüler konstruieren eine lesende Maschine Die Maschine von Christian Graber und Elias Müggler scannt selbstständig Seite für Seite ein Buch ein. Morgen nimmt sie teil am Wettbewerb «Schweizer Jugend forscht». Von Niklaus Salzmann Nach der Schule geht Elias noch rasch Schrauben kaufen. «Nimm 16 Stück, 30- mal M4», instruiert ihn sein Kollege Christian. Er weiss genau, was ihre gemeinsam entwickelte Maschine braucht. Die beiden optimieren sie laufend, obwohl sie längst funktioniert und an der Kantonsschule Kreuzlingen als «ausgezeichnete» Maturaarbeit angenommen worden ist. Ein Schalter muss betätigt werden, das Buch in die Maschine gelegt und einige Einstellungen am Computer vorgenommen werden, dann läuft alles automatisch: Der Scanner senkt sich auf das Buch und sendet die Daten an den Computer. Wenn er fertig ist, heben ihn pneumatische Zylinder wieder hoch, während der Computer den Text auswertet. Zwei Metallscheiben an einem Arm schieben sich über die aktuelle Seite, scheinen sie anzusaugen – doch dazu später mehr – und heben sie hoch. Ein Stab blättert um, und der Vorgang wiederholt sich mit der nächsten Seite. Heute stellen Graber und Müggler die Maschine in Basel auf, wo sie morgen von den Experten von «Schweizer Jugend forscht» bewertet wird. «Ihr werdet sowieso absahnen», sagt die Kollegin, die ebenfalls am Wettbewerb teilnimmt. Im Herbst 2004 hatte es anders getönt. Das Projekt sei zu aufwändig und nicht in dieser Zeit realisierbar, bekamen Christian und Elias von verschiedenen Seiten zu hören. Sie liessen sich nicht entmutigen, beschränkten jedoch die Aufgabe der Maschine darauf, ein Ringbuch von vorgegebener Grösse und Schriftart einzuscannen. Zuerst mit dem Kompressor probiert Rund zehn Monate arbeiteten sie intensiv an ihrem Projekt. «Wir sind immer dran gewesen», erinnert sich Christian, und Elias ergänzt: «Häufig haben wir über Mittag oder noch rasch nach der Schule an der Maschine gearbeitet.» Die Lösungen lagen nicht immer auf der Hand. So wird eine Buchseite, um sie anzuheben, nicht etwa angesaugt, sondern aus zwei kleinen Öffnungen in runden Metallscheiben angeblasen. Erstaunlich, aber es funktioniert. Christian hatte es erst zu Hause mit dem Kompressor ausprobiert. Christian ist der Praktiker, der Mechaniker. Elias eher der Kopfmensch. Eines seiner Hobbys ist Programmieren. Als der Mathematiklehrer im Programmierkurs an der Kanti Kreuzlingen die Texterkennung erwähnte, wusste Elias: «Dies will ich als Maturaarbeit machen.» Ihn faszinierte die Idee, mittels Computer die Wörter und Buchstaben in einem Text zu erkennen. Kurz darauf erzählte der Deutschlehrer vom Projekt Gutenberg, einer Online-sammlung von urheberrechtsfreien Büchern, die von Hand eingescannt werden. Und in Elias’ Kopf entstand die Buch-Einscannmaschine. Er, der damals noch Informatiker werden wollte, würde die Programmierung übernehmen. Sein Kollege Christian, der gerade eine Woche Maschinenbau an der ETH kennen gelernt hatte, war der ideale Partner fürs Mechanische. Die Aufgabenteilung erwies sich als illusorisch, doch das Team funktionierte. Meinungsverschiedenheiten hielten nie lange an. Christian erklärt: «Wir haben uns einfach immer für das entschieden, was am besten für die Maschine ist.» Dabei holten sie sich oft Rat in der Industrie. Wie von selbst ergab sich ein immer breiteres Beziehungsnetz. «Wir sind immer auf freundliche, hilfreiche Leute gestossen», erzählt Elias. Lehrlingsausbildner und Lehrlinge des lokalen Rüstungsunternehmens gaben Tipps, stellten Maschinen zur Verfügung und legten bei schwierigeren Arbeiten auch mal Hand an. Sponsoren lieferten die elektronische Steuerung und die Pneumatikzylinder – und den nötigen Support gleich dazu. Der Betreuer der Maturaarbeit, Physiklehrer Guido Lang, stellte Kontakte zu Firmen her und organisierte Freitage von der Schule. Die praktische Arbeit überliess er den beiden Schülern. «Wir haben fast alles selbst gemacht», sagt Christian stolz. Er wird später «etwas mit Maschinenbau» machen. Und Elias will nicht mehr Informatiker werden, zu theoretisch. Er beginnt im Herbst an der ETH mit dem Studium als Maschineningenieur: «Das Projekt gab den Ausschlag.» http://ma.freaque.ch [TA | 27.04.2006]